Privat wie journalistisch reisen wir oft - manchmal vermischt sich beides, immer weitet sich der Horizont. Der Jahreswechsel 2016/17 war unsere Indien-Zeit. Die Uhr haben wir dreieinhalb Stunden vorgestellt.

Wege

Vier Wochen Südindien – die Reise in die benachbarten Bundesstaaten Kerala und Tamil Nadu haben wir individuell zusammengestellt.

Der Flug

Frankfurt – Dubai, mit Emirates im Airbus A 380. Sehr geräumig, sehr leise, bestes Entertainmentangebot. Weiter nach Kochi, an die Westküste Indiens, am Arabischen Meer.

Station 1: Mararikulam

Foto MararikulamMit öffentlichem Bus und Autorikscha nach Mararikulam. Sehr eng, sehr laut, aber ebenfalls bestes Entertainment - auf den Straßen so viele Menschen, so viele Gesichter. Sie alle erzählen eine Geschichte (siehe Begegnungen).

Mararikulam liegt südlich von Kochi und etwa 20 Kilometer nördlich von Alappuzha. Neun Tage Homestay, im Arattukulam Haven. Das Haus liegt in einem großen Garten, umgeben von Kokospalmen, Mangobäumen, Gewürzsträuchern. Im Park fühlen sich Vögel besonders wohl – die Geräuschkulisse erinnert an einen Expeditionsfilm in den Dschungel.

Foto Garten im DschungelArattukulam Haven – um zu fühlen, wie Indien so ist. Am Strand keine Europäer außer uns. Elsamma kocht, Andrew sorgt für Familienanschluss. Und Über­raschungen: Einladung zur 50 Jahre-Jubi­läumsfeier seines Colleges. Als der offizielle Teil losgeht, sollen wir plötzlich in der ersten Reihe Platz nehmen. Und werden als Ehrengäste der Veranstaltung vor­ge­stellt. So schnell wird man was in Indien.

Foto WeihnachtenWeihnachten in der Christmette, viele Katholiken leben in Kerala. Die Kirche ist so voll, dass die meisten auf dem Boden sitzen. Die drei Sänger nicht, sie schmettern voller Inbrunst immer wieder ein Halleluja raus. In dem schnellen Pidgin-Englisch mit dieser besonderen Betonung hört sich das unvergleichlich an. Trotzdem schlafen manche vor Erschöpfung liegend ein.

Die Familie ist geschäftstüchtig: eine der Töchter leitet sechs Telefonfilialen, ihr Mann führt eine Bäckerei mit 400 Angestellten. Zuhause überwachen Kameras das Anwesen, zwei Fahrzeuge schwäbischer Provenienz stehen vor der Garage. Arm und reich liegen in Indien nah beieinander. Wie wollen die das nur in den Griff kriegen?

Foto BackwatersDie andere Seite erleben wir beim Besuch von Kochi, Allappuzha und den berühmten Backwaters – einem Wasserstraßensystem, das die Lebensader der Menschen ist. Die Frauen stehen in der grünen Brühe, waschen – sich selbst, ihre Kleidung, das Geschirr. Die Männer sitzen in den Kähnen und fischen.

Station 2: Thekkady

Foto Tee-ErnteThekkady liegt im Landesinnern, 140 Kilometer entfernt, zwischen West- und Ostküste, im Bergland, 1200 Meter hoch. Hier gibt es Teeplantagen, Gewürzgärten, einen Nationalpark mit wilden Elefanten. Die Anreise: mit dem öffentlichen Bus von Allappuzha nach Kottayam, umsteigen, weiter nach Kumily.

Leben auf der Straße: die Kuh stöbert im Müll nach Eßbarem, daneben der Stand mit den getrockneten Fischen, etwas weiter die überquellenden Obststände mit süßen Früchten. Die fröhliche Tanztruppe auf der Straße wirbelt, lacht und singt anläßlich einer Trauerzeremonie, der aufgebahrte Leichnam liegt unter Blumen verborgen im Hof.

Foto TrauerzeremonieIn den Restaurants, in denen die Inder essen, isst es sich besser: besser gewürzt, billiger, reichhaltiger als in der Touristen-Gastronomie. Im Dosa-Tempel, in dem wir die einzigen Nichtinder sind, bestelle ich einen Doti mit Gemüsemasala - alle Köpfe drehen sich ruckartig zu uns um. Doti ist ein Umhang für Männer, Dosa ein Pfannkuchen aus Reismehl.

Station 3: Madurai

Foto MaduraiMadurai ist eine Tempelstadt in Tamil Nadu, 120 Kilometer Richtung Ostküste. Eine der ältesten Städte Südasiens. Wieder unterwegs im öffentlichen Bus. In Serpentinen geht es von den hohen Westghats runter in die Ebene. Der Pilot wollte eigentlich Rallyefahrer werden. Den Passagieren ist es knapp vorm Schlechtwerden – was bei der Enge nicht gut ausgegangen wäre für andere Mitfahrer. Viele hängen aus der Türöffnung (was wiederum kein Problem ist, da es überhaupt keine Tür gibt).

Der Tempel: groß, düster, morbid. Auf dem Schuhsammelplatz Tausende von Flipflops. Wie gut, dass direkt gegenüber ein Händler seine Sandalen verkauft. Die Tempel-Etikette: mit kurzer Hose kommt Mann nicht rein. Praktischerweise gibt es nebenan einen Männerrock-Verkauf – ein Doti macht 100 Rupien, etwa 1,45 Euro. Inder sind geschäftstüchtig. Am nächsten Tag das Gandhi-Museum besichtigt – und Gandhis Brief an Führer Hitler: "Dear friend… ". Der Friedensbewegte wollte per Depesche noch WK II verhindern.

Station 4: Varkala

Foto VarkalaStation vier, zugleich final Destination: Varkala. Wieder an der Westküste, am Arabischen Meer, etwa 50 Kilometer nördlich von Trivandrum. Die Anreise ein Highlight: durch die Nacht im Sleeper, also einem Schlafwagen der Indian Railways. Schon das Einrichten des Bahn-Accounts zuhause war ein bürokratischer Alptraum und hat etwa zwei Wochen Arbeit gebraucht.

Foto im NachtzugGeschlafen wird auf zweimal drei Sitzbänken, die einfach heruntergeklappt werden, wenn alle Mitreisenden sich auf die Nachtruhe verständigt haben. Der Schaffner kommt fünf Minuten vor Abfahrt, schaltet das Licht ein - davor ist es stockdunkel. Das verursacht eine ganze Menge an Abenteuern: alle Passagiere laufen mit Handylicht durch den Zug und suchen ihren Platz. Dann prüft der Schaffner einige Tickets, bei uns mit Studium unserer Reisepässe - und legt sich für die nächsten acht Stunden schlafen. Als er am nächsten Morgen aufwacht, verläßt er kurze Zeit später den Zug.

Varkala: recht touristisch. Das Nordkliff ist überlaufen, der Südstrand dagegen pure Entspannung. Sowohl Touristen wie Einheimische kommen hier zusammen. Die Hindufeiern finden neben den Liegetüchern der Europäer statt.

Foto Incredible IndiaVon Trivandrum geht es acht Tage später zurück, vor dem Flughafen steht Militär und sichert mit Maschinengewehren das Gebäude.

Vier Wochen Incredible India. Ein Land der Gegensätze. Spannend, bunt, farbig. Bloß nicht hinfliegen - wir möchten es so noch einmal erleben.